Nach der gezielten Reduktion in der Schweizer Architektur hat in den letzten Jahren eine Suche nach Vielschichtigkeit und Mehrdeutigkeit eingesetzt. Die Befreiung von der rechtwinkligen Swiss Box und die Hinwendung zu den polygonalen Swiss Shapes gelang über die Wiederentdeckung der räumlichen und formalen Qualitäten komplexer Geometrien. Die Abkehr vom asketisch anmutenden Vokabular der Einfachheit öffnet einen neuen Spielraum für die architektonische Arbeit. Eine junge Architektengeneration hat diesen Weg der Abstraktion verlassen und sich neuen Zielen zugewandt, die hier aufgezeigt werden. Mit diesem Aufbruch ist auch ein entwerferisches Interesse an einer neuen architektonischen Form verbunden: Swiss Shapes. Die gebauten Körper nehmen mit ihren Kanten maßgenaue Bezüge zum Kontext auf oder scheinen der freien Intention der Architekten zu entstammen. Zwischen diesen beiden Polen spannt sich das formale Repertoire der ausgewählten Gebäude auf.
Präsentiert werden neun Projekte, ausgewählt von den Kuratoren Florian Kessel und Roland Züger, die beispielhaft neue räumliche, funktionale und konstruktive Qualitäten zeigen. Vom Ferienhaus zur Festhütte, vom Schulhaus bis zur Aufbahrungshalle ist eine Vielfalt an Nutzungen auszumachen. Nicht selten sind es Häuser, bei denen entsprechend ihrer lokalen Verbundenheit, Ressourcen schonende Materialien verarbeitet oder in Bezug auf ihr Energiekonzept neue Wege der Nachhaltigkeit beschritten werden.
Die Projekte mit ihren spezifischen Swiss Shapes stellen nach der Swiss Box ein neues architektonisches Paradigma dar. Eine Auseinandersetzung mit der Theorie dieser neuen Phänomene steht bislang noch aus. Ein distanzierter Blick auf die Schweizer Architektur könnte die Analyse erleichtern.
Ausstellung bei Aedes Berlin: 31. Juli bis 21. September 2006, zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.
> Florian Kessel und > Roland Züger
In der zeitgenössischen Schweizer Architekturproduktion ist eine Tendenz zu mehreckigen Grundrissen auszumachen. Sie stellen nach der „Swiss Box” ein neues architektonisches Paradigma dar. Ein theoretisches Fundament dafür ist noch nicht formuliert. Einige Vermutungen sollen wesentliche Aspekte der neuen Entwicklungsrichtung erhellen, die im Besonderen auf einer neuen Wahrnehmung von Raum basieren.
Die Hauptmotivation für die polygonalen Formen liegt sicherlich im wieder erwachten Interesse am Raum und seiner Erforschung: weg von den elaborierten Oberflächen, hin zur räumlichen Aktivierung und Aneignung. Diese Entwicklung birgt eine Abkehr von der Objektfixierung und Hinwendung zur environmentalen Erfahrung von architektonischen Kontexten in ihren mannigfaltigen Bezügen. > Aufbahrungsgebäude Dietlikon (2003)
Die landschaftlichen Eigenheiten des Schweizerischen Territoriums schaffen eine Sensibilität für die Lage der Architektur in diesem Umfeld. Die zumeist hügligen Landstriche lassen die Dachflächen1 und damit die gesamte Volumetrie in der gebauten Landschaft stärker hervortreten. Die erhöhte Aufmerksamkeit für die Terrainkonturen korrespondiert mit dem Bewusstsein für die formbildenden Kanten, für die topografische Silhouette der Gebäude, für die situative Manipulation und Überhöhung der Knicke. > Ferienhaus Flumserberg (2002–2003)
An die Konfrontation mit der Landschaft knüpft das Bestreben nach einer gewachsenen Verbindung mit dem Ort an. Die vorgestellten Projekte erinnern in ihren Formen an die Selbstverständlichkeit von windschiefen Altstadtzeilen. Die neuen Gebäude scheinen immer schon bestanden zu haben, werden unhinterfragt akzeptiert, wirken intensionslos, gewachsen – pittoresk. Knicke haben „etwas eigentlich Unakademisches”2. > Schweizerisches Landesmuseum Zürich (2003–2011)
Eine ganze Studentengeneration des Lehrstuhls Fabio Reinhart mit seinem Assistenten Miroslav Šik prägt heute die Schweizer Architekturszene. Die Bedeutung der Erinnerung in Aldo Rossis „città analoga” wurde um die atmosphärische Dimension zu einer „Analogen Architektur” erweitert. In ihrer ambientalen Qualität entsprechen die Projekte in Ausstellung und Katalog den bekannten stimmungsgeladenen, handkolorierten Perspektiven des Studiums. Das sensible Gespür für den vorgefundenen Kontext, ein geschärftes Auge für Populäres und Banales sowie der systematische Einsatz von bildlichen Referenzen sind die Früchte dieser Entwicklung. > Autohaus Chur (1999–2000)
Untersucht man die schiefwinkligen Grundrisse auf dem Hintergrund der kunstgeschichtlichen Tradition sind seit der Erfindung der Perspektive Vorläufer auszumachen. Heute gilt es an die Erkenntnisse über den konisch gebauten Raum – wie im Palazzo Spada in Rom von Francesco Borromini – anzuknüpfen. Gerade der Barock und seine „Sucht, alle Räume ins Unabsehbare zu erweitern”4 und die „architettura obliqua”5 als schräge oder verzerrte Architektur, sind für viele Werke einer jungen schweizerischen Architekengeneration maßgebend. In der Welt des Sichtbaren existiert keine Orthogonalität mehr.6 > Schulstiftung Glarisegg Steckborn (2006–2007)
Durch die Einführung von (n) Knicken in der Fassade mutieren die (8) eckigen Gebäude („Swiss Box”) zu (8+n) eckigen Körpern („Swiss Shapes”). Setzung und Überprüfung der Knicke erfordern eine empirische Arbeitsweise. Eine permanente Verifikation der unterschiedlichen Ansichtsseiten von verschiedenen Standpunkten aus, ermöglicht annähernd eine Kontrolle der räumlichen Wirkung. > Interkantonales Gymnasium Payerne (2003-2005)
Eine direkte Auswirkung der Knicke ist die überproportionale Vergrößerung des Volumens zum Grundriss des Baukörpers. Gleichzeitig fällt eine optische „Diskrepanz zwischen Masse und Volumen”7 ins Auge. Die Auffaltungen verstärken die körperhafte Wirkung. Sie strahlen über sich hinaus. Diese Tendenz geht einher mit dem entwerferischen Interesse an einer monolithischen Erscheinung. Die erratischen Brocken scheinen unverrückbar und manifestieren die Wichtigkeit der Wirkungsästhetik. > Mehrfamilienhaus Altstetterstrasse Zürich (2002–2003) > Schulhaus mit Theater La Tour-de-Trême (1999–2004)
Die einprägsame Bildhaftigkeit und Plastizität, das meist Charakterstarke und oft Feierliche zeigt sich in vielen der hier vorgestellten Projekte. Hierin unterscheiden sie sich nicht vom Expressionismus8 eines Hans Poelzig oder eines Hans Scharoun. Sind die „Swiss Shapes” also eine gebaute „Alpine Architektur”? Keine esoterischen oder naturwissenschaftlichen Begründungen machen die Runde, im Gegenteil: Pragmatismus allenthalben. Manche sprechen bereits von einer Befreiung bei der „Abkehr vom rechten Winkel9”. > Festhütte Amriswil (2006–2007)
Topografische Einflüsse
Perspektivische Räume
Massiges Körperspiel
Wirkungsvolle Kristallisierung
Literaturverzeichnis
| 1 | werk, bauen + wohnen: Dächer, Nr. 4, Zürich 2006. |
|---|---|
| 2 | Valerio Olgiati: Gespräch mit T. Joanelly, in: Tec 21, Nr. 6/2000, S. 10. |
| 3 | A. Deplazes, A. Hagmann, C. Kerez, Q. Miller und P. Maranta, V. Olgiati und C. Clavuot waren 1983–1991 an der ETH am Lehrstuhl Reinhart. Vgl. A. Bodammer, R. Züger. Analoge Architektur. Bauwelt 32/2004 |
| 4 | Heinrich Wölfflin: Renaissance und Barock, Leipzig 1986, S. 146. |
| 5 | In Juan Caramuel de Lobkowitz‘ „architectura civil recta y obliqua” (1678) findet auch der Palazzo Spada Erwähnung. Vgl. C. L. Frommel, Architectura obliqua, in: R. Bösel, C. L. Frommel, Borromini Architekt im barocken Rom, Mailand 2000, S. 534–536 |
| 6 | Rudolf Arnheim: Kunst und Sehen, Berlin/New York 2000. |
| 7 | Ákos Moravánszky: über das Haus Willimann von Bearth & Deplazes, In: Bearth & Deplazes. Konstukte/Constructs, Luzern 2005, S. 106. |
| 8 | Wolfgang Pehnt: Die Architektur des Expressionismus, Stuttgart 1973. |
| 9 | Meinrad Morger und Markus Peter: über den „Befreiungsschlag vom Doktrinären der Orthogonalität”, in: Brigitte Selden. Die Abkehr vom rechten Winkel, in: Hochparterre 3/2004, S. 50–52. |
geboren 1974 in Dortmund im Ruhrgebiet, studierte in Berlin und Zürich Architektur. In Zusammenarbeit mit Philipp Oswalt nahm er an verschiedenen Architekturwettbewerben, Studien und Buchpublikationen teil. Mitarbeit bei Sauerbruch Hutton Architekten, Berlin, am Projekt Umweltbundesamt in Dessau. Mit den Architekten von oos, Zürich, entwickelte er konzeptionelle Wettbewerbsprojekte in Bern und Zürich. Er selbst forschte zu den Themen Städtische Infrastruktur und Demografische Veränderungen der europäischen Bevölkerung, die in sein Diplom, Thema „Altern“, mündeten. Zur Zeit ist er im Büro Diener & Diener Architekten, Berlin, tätig. > mail@achtplusn.org
geboren 1975 in Lachen am Zürichsee, ist Architekt und studierte in Winterthur und Berlin. In Kooperation mit Alexa Bodammer und Lukas Schmid bearbeitet er Projekte im Forschungs-, Architektur- und Ausstellungsbereich in Berlin und Zürich. Er ist Dozent an der F+F Schule für Kunst und Mediendesign, Zürich und schreibt als freier Mitarbeiter für Zeitschriften, u.a. Bauwelt, L‘Architecture D’Aujourd’hui, Trans. Derzeit forscht er zu Themen der Architekturtheorie und -geschichte des 20./21. Jahrhunderts. Als freier Mitarbeiter ist er derzeit im Architekturbüro Kühn Malvezzi in Berlin beschäftigt. > mail@achtplusn.org
Die Kleinstadt Payerne liegt am Rande der ausgedehnten Broye-Ebene und breitet sich um einen zentralen Hügel aus. Dahinter steigt das Gelände sanft an und geht in die freiburgische Hügellandschaft über, wo die Bauparzelle erhöht und peripher liegt.
Hinsichtlich der Komplexität mit unterschiedlichen Bestimmungen und Funktionen und der inneren Organisation, erinnert der Schulkomplex an einen Stadtteil mit der Vielschichtigkeit urbanen Lebens. Das umfangreiche Raumprogramm – über 70 Unterrichts- und Gruppenräume, Verwaltung, Bibliothek, Aula, Restaurant, Sporthalle usw. – wird in einem mehrfach geknickten und durchbrochenen Riegel untergebracht. Typologisch betrachtet ordnet sich das Gymnasium zwischen zweibündigem Zeilenbau und Blockgeviert ein. Die Knicke folgen unsichtbar den in die Parzelle eingeschriebenen gesetzlichen und städtebaulichen Gegebenheiten und bilden so maßgenaue Bezüge zu ihrem Kontext. Durch dieses Abknicken wird auf natürliche Weise ein länglicher Hof umfasst, der sich zur Stadt und zum Landschaftspark hin öffnet. Der unerwartete Zugang eines öffentlichen Gebäudes mit seinen verschiedenen Eingängen im Hof bewirkt eine der Schule angemessene Introvertiertheit. Dadurch wird auch die geschlossene äußere Form unterstützt. Das Rückgrat der Anlage bildet ein knapp 300 m langer den Knicken folgender Korridor im Obergeschoss, der beidseitig von Unterrichtsräumen flankiert wird. > www.boeglikramp.ch
Das Aufbahrungsgebäude einer Agglomerationsgemeinde bei Zürich zeigt sich als ein funktional organisiertes asymmetrisches Volumen mit expressiver Gestalt. Wie geduckt lagert es nahe dem bestehenden Friedhof an einer Hangkante: Zwei Seiten sind einwärts geknickt, die Dachflächen unterschiedlich tief herabgezogen. Auffallendstes Merkmal ist die schwarze Farbe, mit welcher das gesamte Volumen Überzogen wurde. Erst wenn man herantritt offenbart sich die Konstruktion: Ein Backsteinbau mit einer Dachstruktur aus Beton. Unter der dunklen Schlämme werden die Rillen der Backsteine erkennbar und verleihen dem Gebäude eine feine Oberflächentextur. Je nach Lichtsituation lastet das Gebäude schwer – oder beginnt zu vibrieren. Die Architekten verzichten auf pathetische Gesten, lassen ihr Gebäude beinahe spröde erscheinen, als handele es sich um einen Nutzbau auf dem Feld. Und doch wirkt das Volumen aufgrund seines plastisch-monolithischen Charakters und seiner dunklen Farbigkeit enigmatisch. Ein quadratischer Innenhof bildet das Zentrum der für Besucher fast labyrinthischen Struktur. In der Höhe wölben sich die hellen, hohen Wände zum Zentrum hin und fassen ein Geviert als Aussparung ein. Unweigerlich richtet sich der Blick nach oben: in den Himmel, in die Wolken. Drei Türen führen in die kleinen Aufbahrungskammern, welche den Innenhof umschließen. Als Ort der höchsten Konzentration sowie der intimsten Konfrontation mit dem verstorbenen Angehörigen zeigt sich die Architektur hier vollständig zurückgenommen. Raumkanten und Ecken wurden verschliffen, um jegliche Ablenkung zu vermeiden. (Hubertus Adam) > www.bosshardvaquer.com
Das Autohaus steht auf einer Parzelle unmittelbar neben der Autobahnauffahrt, die ihre verzogene Form der Beschleunigungsspur auf die Nationalstraße A13 verdankt. Auf diesen Kontext der hohen Geschwindigkeiten, auf die wegspritzenden Kies- und Splittgeschosse und die Pflugschneegebirge im Winter reagiert Conradin Clavuot mit einem rauen Betonklotz, dessen Form der Baulinie folgt. Die amorphe Grundform des Baukörpers entfaltet keine starke räumliche Wirkung, sondern entstammt den örtlichen Bedingungen. Die rohe Betonhülle wird von einem großzügig verglasten Eingangsbereich und der Glasbox, die zur Autobahn hin auskragt, durchbrochen. Dieser Schauraum beherbergt die Vorzeigemodelle und wertet die Autobahn zum Strip um. Die Verglasungen machen die Garage zum „Aquarium”. Der seidenmatt schimmernde Anstrich auf der verputzten Innendämmung steht im Kontrast zur schützenden Betonhülle. Die drei Bereiche Ausstellung, Verkauf und Reparatur bilden räumlich eine Einheit. Man kann sehen, wie die Autos repariert werden. Die Repräsentationsfläche des Baus ist nach innen gekehrt und birgt eine hermetische Kunstwelt, die zu ihrer unwirtlichen Umgebung im Gegensatz steht. (Roland Züger)
Die pittoreske Dachsilhouette des alten Schweizerischen Landesmuseums gehört fest ins Zürcher Stadtbild. So attraktiv die Architektur ist, die Gesamtanlage schafft es nicht, einen der heutigen Situation angemessenen Eingang zu formulieren. Hier setzt der Entwurf für die Erweiterung des Landesmuseums an. Der Neubau schottet sich nicht mehr ab, er sucht vielmehr den Kontakt zum Park und zur Stadt. Als weit in den Raum ausgreifender, abgewinkelter Flügelbau liegt er parkseitig am bestehenden Museum. Daraus ergibt sich eine neue komplexe Gesamtfigur aus verschiedenen Flügeln und Zwischenräumen. An der Stelle des ehemaligen Kunstgewerbeflügels spannt der Neubau einen großen öffentlichen Platz auf. Er ist der neue Eingang zum Museum. Auf der Parkseite erzeugt die Figur aus Alt- und Neubau einen Hof, der unter einem weitgespannten Gebäudeflügel in den Platzspitzpark übergeht. Er ist das Gegenstück zum stadtseitigen Eingangshof. Der vorgeschlagene Eingriff definiert die gesamte Situation völlig neu und entfaltet im eigentlichen Sinne städtebauliche Wirkung: Das Museum und seine Umgebung verschränken sich und werden sowohl räumlich als auch funktional miteinander verbunden.
Im Obergeschoss des Neuen Landesmuseums befinden sich die eigentlichen Ausstellungsräume. Die neuen Ausstellungsräume selber sind große, helle Säle, die bis ins Dach reichen. Das Dach erfüllt dabei verschiedene Aufgaben: Hierüber werden die unterschiedlichen Ausstellungsräume belichtet. Gleichzeitig ist die geknickte Decke auch die Tragstruktur. > www.christgantenbein.com
Die meisten Ferienhäuser sehen identisch aus. Auf die Topografie, den Charakter und die Qualitäten eines Orts wird bei der Planung selten eingegangen. Unser Entwurf weigert sich, diese nivellierende Kolonisierung des Ortes zu akzeptieren. Er reagiert auf die wunderschöne Lage neben einer Alpwiese, die im Sommer als Weide und im Winter als Skipiste dient, indem sich das Haus in die Höhe reckt, um auf allen Seiten die spektakuläre Aussicht einzufangen. Rund um das Gebäude bleibt die Alpwiese, abgesehen vom gekiesten Zufahrtsweg, unberührt. Kein Zaun, keine Aufschüttung oder Abgrabung, keine Gartengestaltung verändern den Ort. Durch seinen Knick passt sich der Baukörper der Kurve des Hangverlaufs an. Äußerlich variiert das Haus das omnipräsente Thema des Chalets mit seiner dunklen Holzschalung und kleinen Fensteröffnungen zum Bild eines Chaletturms mit riesigen Panoramafenstern.
Wohnen in den Ferien darf anders sein als Wohnen im Alltag. Als Antithese zum Wohnen in abgeschlossenen Zimmern entwickelt sich der Entwurf aus der These vom Ein-Raum-Haus. Es existieren keine abgeschlossenen Räume, sondern lediglich vertikale und horizontale Zonen, die jeweils mehreren Zwecken dienen. Das hallenartige, vier Meter hohe Schlafgeschoss ist zugleich auch Badezimmer. Zwei runde textile Membranen unterteilen den Raum und machen aus Treppe und Whirlpool fließende und zugleich zonierte räumliche Körper. > www.em2n.ch
Das Internat der Schulstiftung Glarisegg auf der idyllischen Halbinsel am Bodensee ist von weitem sichtbar. Der mächtige Hauptbau aus dem 15. Jahrhundert verleiht dem ehrwürdigen Ort eine starke Identität. Von diesem Bau setzt sich der vorgeschlagene Neubau bezüglich Typologie und Materialisierung ab. Er ist ein- bis zweigeschossig und findet über eine lineare Organisation seiner Wohngruppen zu einer mehrfach geknickten, länglichen Volumetrie, welche sich geschmeidig in den bestehenden Obstgarten legt. Die Form des Neubaus generiert verschiedene Außenbereiche. Zum Hauptgebäude entsteht ein Platz mit dem Eingangsbereich, zum See hin eine räumliche Verengung, die den Zugang zum zentralen Bereich der Schul- und Wohnanlage markiert. Die Wohngruppen werden über eine zentrale Treppenanlage erschlossen. Die Lage der Gemeinschaftsräume bestimmt auch die Ausformulierung des Daches, welches – in Anlehnung an die geometrischen Prinzipien im Grundriss – in flacher Neigung aufliegt und bei den Gemeinschaftsbereichen die größten Raumhöhen erzielt.
Eine feine Struktur vertikal und horizontal angeordneter Holzelemente gliedert netzartig die Fassadenflächen des Gebäudes und bindet die unterschiedlich großen Öffnungen der verschiedenen Bereiche in ein Ordnungsprinzip ein. > www.graberpulver.ch
Das Projekt mit seinem bohnenförmigen Grundriss reagiert auf die Hinterhofsituation, in dem es gegen Süden einen großen Hof aufspannt und auf den anderen Seiten die Zwischenräume und Ausblicke sucht. Das Gebäude ist aus drei gleichen Geschossen mit je drei Wohnungen und einer zurückversetzten Attika aufgebaut. Die Wohnungen drehen sich um ein zentrales Treppenhaus mit großem Oberlicht, das die Außenform aufnimmt. Die Treppe und Sanitärkerne als rechtwinklige Körper sind an das Treppenhaus angedockt. Zwischen dem Treppenhaus und der Zimmerschicht ergeben sich organische Eingangshallen, die in die großzügigen Wohn- und Essräume führen.
Im Attikageschoss sind die Räume sternartig um das zum Entrée gewordene Treppenhaus angeordnet. Die Erschließung der Räume funktioniert einerseits als „enfilade” entlang der Fassade, andererseits direkt durch die Eingangshalle. Die umlaufende Terrasse bietet unterschiedlich tiefe Sitz- und Sonnenplätze. > www.guignardsaner.ch
Das Haus zum Feiern der Feste als zentraler Ort für die ganze Region verlangt nach einer starken Identität. Durch die prägnante Äußere Erscheinung des kristallinen Volumens wirkt es als Anziehungspunkt für das kulturelle Leben. Durch die gebrochene Außenform fügt sich das große Volumen in die ländlich geprägte Stadt ein. Das introvertiert anmutende, von der Dachspitze bis zum Gebäudefuß einheitlich bekleidete Haus verbirgt sein Innenleben. Einzig der Haupteingang wird durch ein Aufbrechen der geschlossenen Fassadenhaut akzentuiert. Die Komplexität der Form entstand aus der Verknüpfung der vorliegenden Parameter: der spezifischen Interpretation des Programms, dem Standort der Kleinstadt und der gewünschten Identitätsstiftung durch das Fest.
Der primäre Anspruch, dem Fest auch im Innern einen angemessenen Rahmen zu geben, wird durch den Bau eines fünfeckigen zentralen Festsaales erfüllt. Die freie polygonale Außenform erlaubt ein zwiebelförmiges Anlegen der dienenden Räume um ihren Kern. Die konzentrische Anordnung um den Hauptraum baut eine räumliche Spannung auf. Der Typus des Zentralraumes unterstreicht die Wichtigkeit des Festes, die Personen stehen im Mittelpunkt. Das die Äußere Wahrnehmung des Hauses prägende Dach entfaltet seine Wirkung auch im Innern: es erreicht seinen Zenit hoch über den Köpfen der Festbesucher. Der Dachknick zentriert den Raum und das Haus in nicht konzentrischer Lage. > www.muellersigrist.ch
Das neue Schulhaus liegt am Rand des Dorfes la Tour-de-Trême zwischen heterogener Siedlungsstruktur und offener Landschaft. Die präzise zueinander gestellte Konstellation von unterschiedlich gearteten Baukörpern konzentriert sich auf der Parzelle zu einer offenen Figur. Zur Landschaft hin schafft das lange, leicht geknickte Schulgebäude ein klare Grenze, zum Dorf hin sind das markant geschnittene Theater- und das Turnhallengebäude angeordnet. Zwischen den Volumen entsteht ein überraschender T-förmiger Leerraum; ein urbaner Ort, der das eigentliche Herzstück der Anlage bildet. Die Raumstruktur: 40 Klassenzimmer, Spezialräume, eine Bibliothek, eine Dreifachturnhalle mit Außenbereichen, ein Schulrestaurant sowie ein öffentliches Theater mit der nötigen Infrastruktur bilden die Bedürfnisse ab, die diese kleine Stadt jeden Tag erfüllen muss.
Dimension und volumetrische Ausprägung integrieren die Gebäude in die Landschaft. Ihr Charakter oszilliert zwischen einer dem ruralen Kontext verpflichteten Architektur und einer der Weite der Landschaft angemessenen Größe und Maßstabslosigkeit. Alle drei Baukörper sind in ihrer Erscheinung ähnlich, verfügen aber jeweils über einen spezifischen Charakter. Die Fassaden sind in eingefärbtem Sichtbeton ausgeführt, der die monolithische Wirkung der Volumen verstärkt. > www.sabarchitekten.ch
Heinrich Tessenow, Berlin
Haus Böhler, St. Moritz, 1916-1917
Alfred Roth, Zürich
Wohnhaus Mandrot, Zürich, 1944
Gio Ponti, Mailand
Villa Planchard, Caracas, 1955
Hans Scharoun, Berlin
Philharmonie, Berlin, 1956-1963
Otto Senn, Basel
Wohnhaus, Berlin, 1957
Asnago Vender, Mailand
Wohnhaus, Mailand, 1963
Herzog & de Meuron, Basel
Theater, Visp, 1984
Herzog & de Meuron, Basel
Sperrholzhaus, Bottmingen, 1985
Hans Kollhoff
Piräus Block, Amsterdam, 1991-1994
Herzog & de Meuron, Basel
Bürohaus, Solothurn, 1993-2000
Herzog & de Meuron, Basel
Verwaltungsgebäude,Laufen , 1997-1998
Valerio Oligiati, Chur
Schulhaus, Paspels, 1997-1998
Bearth & Deplazes, Chur
Haus Meuli, Fläsch, 1997-2001
Jessen Vollenweider
Eingang Tierpark, Goldau, 1999
Bearth & Deplazes, Chur
Haus Willimann-Lötscher, Sevgein 1998-1999
Valerio Oligiati, Chur
Dreifamilienhaus, Chur, 1999
Gigon & Guyer, Zürich
Roche Zentrum, Zugersee, 1999
Stürm & Wolf, Zürich
Bürohaus SVA, Zürich, 2000
Diener & Diener, Basel
Power Tower, Baden, 2000-2001
Miller & Maranta, Basel
Markthalle, Aarau, 2001
Miller & Maranta, Basel
Villa Garbald, Castasegna, 2003-2004
| Galerie: | Aedes am Pfefferberg, Christinenstraße 18-19, 10119 Berlin, > www.aedes-arc.de |
|---|---|
| Kuratoren: | Florian Kessel, Berlin; Roland Züger, Berlin |
| Ausstellungsarchitektur: | Florian Kessel, Berlin; Roland Züger, Berlin |
| Mitarbeit: | Dietrich Kessel, Witten; Jan Pfennig, Berlin; Silvia Züger, Zürich |
| Grafik Katalog: | Hansjakob Fehr, Berlin, > www.1kilo.org |
| Grafik Ausstellung: | Christine Meierhofer, Berlin |
| Modellbau: | Carl-Friedrich Hörnlein, Berlin |
| Webdesign: | Daniel Müller, Berlin, > www.nodesign.zweibeiner.com |
| Katalog: | Herausgeber: Kristin Feireiss, Hans-Jürgen Commerell, Aedes Berlin 2006 |
„Zurich happens“ eher am Rande. Betritt man die neuen Räume der Galerie Aedes am Pfefferberg, um sich die beiden zurzeit laufenden Ausstellungen zur Schweizer Architektur anzusehen, übersieht man die erste davon beinahe. Die großen Tafeln, die über die Transformation der ehemaligen Industrieareale Zürich Oerlikon und Zürich West informieren, stehen in der rechten Hälfte des Raumes brav in Reih und Glied. Wer sich einen schnellen Überblick über die Projekte und städtebaulichen Leitlinien dieser Gebiete verschaffen will und nicht vor imagefördernder Planersprache zurückschreckt, kann hier durchaus einen Zwischenstopp einlegen.
Ansonsten kann man gleich dem optisch stärkeren Reiz in den zweiten Raum der Galerie folgen, wo der Besucher von einer skulptural geformten Treppe in hellem Rot empfangen wird. Sie ist der Einstieg in die Schau „Swiss Shapes“, die sich mit neuen Formen in der Schweizer Architektur befasst, welche nach den Beobachtungen der Kuratoren Florian Kessel und Roland Züger die im Zeichen der Reduktion stehende streng orthogonale Box ablösen. Neun Beispiele haben sie für dieses „neue architektonische Paradigma“ zusammengetragen – vieleckige, körperhafte Volumina, vom Schulhaus bis zur Aufbahrungshalle.
Überraschend sind allerdings weniger die vorgestellten Gebäude, trifft man doch neben aktuell im Bau befindlichen Projekten wie dem Landesmuseum Zürich (Heft 30–31/02) auf einige alte Bekannte. So findet sich das Wochenendhaus in Flumerserberg (Heft 47/04), das mit sanftem Knick dem Hang folgt, oder das Autohaus in Chur (Heft 32/04), dessen Betonvolumen sich der Form der Autobahnausfahrt anpasst, um ihr dann sein gläsernes Schaufenster entgegenzustrecken. (Brigitte Schultz)
Zürcher Städtebau und Schweizer Architektur sind diesen Sommer zu Gast in Berlin – genauer in der Architekturgalerie Aedes am Pfefferberg. In Teil I, „Zurich Happens“, lässt das Zürcher Amt für Hochbauten wissen, wie es über seine eigenen Stadterweiterungen denkt. Teil II dagegen ist spannend: „Swiss Shapes“ nennen die jungen Kuratoren Florian Kessel und Roland
Züger ihre Schau über neun Arbeiten junger Talente, darunter Christ & Gantenbein, Müller Sigrist oder Guignard Saner. Gemeinsam ist den Bauten und Projekten, dass sie dem rechten Winkel abschwören. Nicht Neues – doch fehlt bislang die Theorie zum Phänomen „Knick“. Sind die „Swiss Shapes“ der Sachgasse „Swiss Box“ entronnen oder ersetzt nur eine Form die andere?
Wo kommen die neuen Formen her und wo führen sie hin? Kessel und Züger liefern die ersehnten Hintergründe leider auch nicht – zumindest nicht in der Ausstellung. Aber im Katalog und auf der eigens angelegten Homepage spüren sie den Knicken und Schrägen nach und stellen acht Vermutungen zur Debatte.

